Teil 9: Die letzten Kilometer nach Santiago
Je näher ich Santiago komme, desto mehr Pilger sind unterwegs. In Lugo sind es nur noch 100 km bis Santiago. Mindestens so viele Kilometer braucht man, um eine Compostela zu bekommen, eine Urkund darüber, dass man die Pilgerreise nach Santiago auf sich genommen hat. Für viele Spanier ist dies ein Pflichtprogramm. Nach Lugo verändert sich die Stimmung spürbar. Viele neue Pilger stoßen dazu, manche mit kleinen Rucksäcken, weil ihr Gepäck transportiert wird. Die vertrauten Gesichter der letzten Wochen verteilen sich. Ich bräuchte dringend einen Pausentag, aber Santiago zieht so sehr, dass ich keine Ruhe finde. Ich möchte gemeinsam ankommen mit den vertrauten Gesichtern, die in den letzten Tagen oder Wochen Teil meines Wegs geworden sind.
Kurz vor der 100-Kilometer-Marke begegnet mir der Camino auf seine eigene, überraschende Weise. Ich treffe Anne und Michel wieder – ein Paar, das ich Monate zuvor im kalten Aubrac kennengelernt habe. Über tausend Kilometer liegen zwischen diesen Begegnungen, und doch stehen wir plötzlich wieder nebeneinander auf dem Weg nach Lugo. Wir laufen gemeinsam über die 100-km-Marke, machen Fotos und teilen diesen besonderen Moment. Von hier an brauche ich täglich zwei Stempel für meine Compostela, und der Weg bekommt eine neue Dynamik: Jeder Schritt fühlt sich gleichzeitig leichter und bedeutungsvoller an.
Unterwegs begegnen mir immer wieder Menschen aus den vergangenen Wochen – Laetitia und ihre Freunde, vertraute Gesichter, kurze Gespräche am Wegesrand. Die Gemeinschaft verändert sich, je näher wir dem Ziel kommen. Es ist weniger das ruhige Miteinander der langen Strecke und mehr ein ständiges Kommen und Gehen. Die Herbergen werden größer und lauter und so ziehe ich immer öfter mein Zelt einem Bett im Schlafsaal vor.
In Melide entscheide ich mich bewusst fürs Campen, statt mich noch einmal in einen stickigen Schlafsaal zu legen. Die Nacht draußen gibt mir Ruhe. Am nächsten Tag erreiche ich Arzúa und treffe dort auf den Camino Francés. Ich hatte befürchtet, dass es sich wie ein Volksfest anfühlen würde, doch es bleibt überraschend ruhig. Trotzdem spüre ich, dass Santiago jetzt alle in Bewegung bringt.
Die letzte Nacht verbringe ich in Santa Irene, nur noch wenige Kilometer vor dem Ziel. Der Schlafsaal ist laut, die Fenster werden ständig geöffnet und geschlossen, und ich schlafe kaum. Vielleicht passt das sogar zu dieser Phase des Weges: Alles ist in Bewegung, nichts mehr ganz ruhig.
Am
Morgen gehe ich im Dunkeln los. 22 Kilometer liegen noch vor mir. Die
Luft ist kühl, und überall um mich herum sind Pilger unterwegs, die wie
ich diesem einen Ort entgegengehen. Kurz vor Santiago treffe ich wieder
auf Anne und Michel. Gemeinsam erreichen wir den „Berg der Freude“, vo
n
dem aus man zum ersten Mal die Kathedrale sehen kann. Aus einem
Ortsnamen wird plötzlich ein realer Ort vor meinen Augen.
Die letzten Kilometer ziehen sich. Dann der Torbogen, der Dudelsackspieler, der Platz vor der Kathedrale – und plötzlich bin ich angekommen. Vier Monate, rund 1600 Kilometer, viele Zweifel und noch mehr Geduld liegen hinter mir. Wir legen die Rucksäcke ab, umarmen uns und lassen diesen Moment wirken.
Santiago ist laut, voll und überwältigend. Ich hole mir meine Compostela, treffe vertraute Menschen wieder und brauche Zeit, um zu begreifen, dass die Reise tatsächlich hierhergeführt hat. Zwischen all den Begegnungen und Emotionen spüre ich vor allem eines: Ich bin angekommen – nicht nur an einem Ort, sondern am Ende eines langen Weges.



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