Teil 3 - Stopp & Go im Aubrac: Vertrauen ohne Plan
Nach einigen Tagen Pause breche ich wieder auf. Ich gehe langsam, vorsichtig, nur zehn bis zwölf Kilometer am Tag. Meine Achillessehnen brauchen Zeit, und ich beginne zu verstehen, dass dieser Weg nicht nach meinen Vorstellungen funktionieren wird. Also treffe ich eine neue Entscheidung: keine Reservierungen mehr. Jeden Morgen einfach losgehen und darauf vertrauen, dass sich am Ende des Tages eine Lösung findet.
In Quatre Chemins, einer winzigen Ansammlung von Häusern, stehe ich ohne Buchung vor einer Herberge. Es regnet, ich bin müde – und trotzdem finde ich ein Bett. Zum ersten Mal spüre ich, dass dieses „Ins Unbekannte laufen“ funktionieren kann. Gleichzeitig merke ich, wie sehr mir mein warmes Zuhause fehlt. Die Höhenlage bringt kalte Temperaturen, und mein Körper ist noch nicht im Rhythmus des Fernwanderns angekommen.
In einer Herberge lerne ich Anne und Michel aus der Bretagne kennen. Es ist erstmal eine Begegnung wie jede andere unter Pilgern. Auch sie wollen bis Santiago gehen, werden aber eine andere Route wählen. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und gehen jeder unseren Weg. Ich ahne noch nicht, dass mir diese Begegnung später noch etwas bedeuten wird.
Was mich zusätzlich fordert, sind die vielen Gespräche um mich herum. Die Franzosen reden gern – mit anderen, mit sich selbst, manchmal einfach laut in den Raum hinein. Im Schlafsaal höre ich Fragen nach Socken und Telefonkabeln, auf dem Weg kurze Bemerkungen über Wetter und Steigungen. Eigentlich finde ich das sympathisch, doch gerade brauche ich mehr Stille als Austausch.
In Nasbinal wird mein neuer Plan auf die Probe gestellt. Alle warnen mich: „Ohne Reservierung hast du keine Chance.“ Ich gehe trotzdem los. Nach ein paar Absagen entsteht schließlich ein Notschlafplatz für mich – ein improvisiertes Bett auf einem Dachboden. Die beiden Zimmerbewohner neben mir sind rücksichtsvoll leise.
Die nächste Etappe führt mich weiter nach St. Chély. Es ist der Abstieg vom kalten Hochplateau des Aubrac hinunter ins Tal der Lot. Die Landschaft wird milder, die Luft wärmer, und ich atme auf. In einer kleinen Herberge bei Guillaume und Hélène brennt ein Kaminfeuer. Wir sprechen über Ängste auf dem Weg – die Angst vor Kälte, vor Einsamkeit, vor dem Scheitern. Ich erkenne mich in vielen dieser Geschichten wieder. Mein Körper ist zwar noch fragil, aber mein Vertrauen wächst langsam.
Ein Tiefpunkt kommt mit einem Gewitter in Monredon. Ich schlage mein Zelt im Garten einer Herberge auf, obwohl dunkle Wolken aufziehen. Der Sturm verwandelt das Zelt in ein Segel, und nur mit Hilfe anderer schaffe ich es, alles rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Die Nacht verbringe ich erschöpft auf dem Boden des Speisesaals. Zwischen nassen Sachen, Müdigkeit und der Erkenntnis, wie wenig Kontrolle ich eigentlich habe.
Diese Tage sind ein ständiges Stopp und Go. Schmerzen, Zweifel, kleine Glücksmomente und warme Begegnungen wechseln sich ab. Und irgendwo zwischen Regen, improvisierten Schlafplätzen und langsamen Kilometern beginnt sich ein neuer Gedanke zu formen: Vielleicht geht es auf diesem Weg nicht darum, wie weit ich komme – sondern darum, dass ich unterwegs bin.

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