Teil 1 - Aufbruch: Der Moment, in dem der Traum Realität wird

Endlich stehe ich in Montfaucon-en-Velay. Monate der Vorbereitung liegen hinter mir – und jetzt beginnt meine Reise wirklich. Ich starte mit einem Experiment: Zelt, Freiheit und die Hoffnung, unterwegs meinen eigenen Rhythmus zu finden. Mein erster Schlafplatz im Wald fühlt sich friedlich an. Noch ist alles neu, alles möglich.

Schon am zweiten Tag lerne ich, dass der Jakobsweg sich nicht um meine Pläne kümmert. Eine Herberge existiert nicht mehr, die andere öffnet erst Wochen später. Regen, eisiger Wind, und plötzlich geht es nicht mehr um Romantik, sondern um ein warmes Zimmer und eine heiße Dusche. Als ich schließlich bei Gilbert und Ninou unterkomme, fühle ich mich gerettet. Am nächsten Morgen breche ich gut gelaunt wieder auf – durch eine Auvergne, die kalt, grau und noch im Winterschlaf wirkt. Sogar Schneeflocken tanzen durch die Luft.

Auf dem Weg nach Le Puy-en-Velay treffe ich Aude, die an einer Weltmeisterschaft im Eisschwimmen teilgenommen hat. Wir laufen gemeinsam, reden viel, und die Kilometer vergehen schneller als gedacht. In Le Puy angekommen, lande ich in einem großen Schlafsaal. Pilger aus aller Welt kreuzen meine Wege – unter ihnen Sam aus Südkorea, der sich spontan ein Fahrrad kaufen will, um bis nach Santiago zu fahren.

Ich nutze einen Pausentag, um die Stadt zu erkunden: die rote Marienstatue, St. Michel auf dem Vulkanfelsen, enge Gassen und die besondere Stimmung dieses Ortes. Die Tage zuvor fühlen sich im Rückblick wie ein Prolog an. Hier beginnt der Weg erst wirklich.

Bei der Pilgersegnung wird es still in mir. Ich denke an die Menschen zu Hause, die mich ermutigt haben, an all die Gründe, warum ich hier bin. Am Ende der Messe gehen wir durch ein besonderes Tor aus der Kathedrale hinaus. Eine Treppe führt nach unten, dann öffnet sich der Blick über die Stadt. Für mich fühlt es sich an, als würde ich neu geboren werden – mitten hinein in dieses Abenteuer.

 

Plötzlich bin ich nicht mehr allein. Ein Strom von Pilgern zieht los, Schritte, Stimmen, Bewegung überall. Noch vor wenigen Tagen war jede Begegnung eine Ausnahme gewesen, jetzt werde ich von der Menge fast überwältigt. Die Landschaft öffnet sich, die Weite tut gut. Es ist kalt, aber sonnig. Und während wir gemeinsam losgehen, spüre ich: Der Traum vom Jakobsweg hat aufgehört, eine Idee zu sein. Er ist jetzt mein Alltag.

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