Posts

Teil 9: Die letzten Kilometer nach Santiago

Bild
Je näher ich Santiago komme, desto mehr Pilger sind unterwegs. In Lugo sind es nur noch 100 km bis Santiago. Mindestens so viele Kilometer braucht man, um eine Compostela zu bekommen, eine Urkund darüber, dass man die Pilgerreise nach Santiago auf sich genommen hat. Für viele Spanier ist dies ein Pflichtprogramm. Nach Lugo verändert sich die Stimmung spürbar. Viele neue Pilger stoßen dazu, manche mit kleinen Rucksäcken, weil ihr Gepäck transportiert wird. Die vertrauten Gesichter der letzten Wochen verteilen sich. Ich bräuchte dringend einen Pausentag, aber Santiago zieht so sehr, dass ich keine Ruhe finde. Ich möchte gemeinsam ankommen mit den vertrauten Gesichtern, die in den letzten Tagen oder Wochen Teil meines Wegs geworden sind. Kurz vor der 100-Kilometer-Marke begegnet mir der Camino auf seine eigene, überraschende Weise. Ich treffe Anne und Michel wieder – ein Paar, das ich Monate zuvor im kalten Aubrac kennengelernt habe. Über tausend Kilometer liegen zwische...

Teil 8 - Das beste kommt noch: Vom Norte auf den Primitivo

Bild
Nach dem Abschied von Daniel und Miriam in Bilbao gehe ich allein weiter. Die nächsten Tage auf dem Camino del Norte fühlen sich ungewohnt still an. Ich brauche Zeit, um wieder meinen eigenen Rhythmus zu finden. Der Weg führt oft an Straßen entlang, viel Asphalt liegt unter meinen Füßen, und ich merke schnell, dass ich mit meinen Kräften haushalten muss. Währenddessen verändert sich mein Gehen fast unbemerkt. Die Etappen werden länger, mein Körper fühlt sich stabiler an. Wenn ich morgens losgehe, spielt es kaum noch eine Rolle, wie weit ich gehe, wo ich ankomme oder wie viele Kilometer dazwischenliegen. Ich bin einfach unterwegs. Ich habe Gefallen gefunden am ständigen Wechsel, an der Unvorhersehbarkeit. Mein Leben in Deutschland – mit fester Wohnung, Terminen und Routinen – wirkt plötzlich weit weg und ein wenig eng. Zum Glück liegt noch Weg vor mir. Hinter Villaviciosa biege ich schließlich auf den Camino Primitivo ab. Dieser Wechsel fühlt sich wie ein neuer Anfang an –...

Teil 7 - Ankommen in Spanien: Eine kurze Weggemeinschaft

Bild
In Irun beginnt ein neuer Abschnitt meines Weges. Ich freue mich auf Spanien, auf den Camino del Norte und auf das, was vor mir liegt. Gleichzeitig gehe ich vorsichtig los, mache Pausen und massiere mein Bein regelmäßig. Gleich zu Beginn wartet der steile Anstieg auf den Jaizkibel. Oben angekommen öffnet sich der Blick über den Golf von Biskaya. Ich drehe mich noch einmal um, zurück nach Frankreich, bevor sich vor mir die spanische Küstenlandschaft ausbreitet.   Der Abstieg nach Pasajes Don Juan kostet mich viel Kraft. In der kleinen Herberge bin ich völlig erschöpft und brauche lange für meine Routine aus Duschen, Dehnen und Sortieren meiner Sachen. Dort treffe ich Daniel und Miriam aus Deutschland. Es tut gut, wieder Deutsch zu sprechen. Während wir uns unterhalten, massiere ich mein Bein. Daniel zeigt mir ein paar passende Yogaübungen und hilft mir mit einer Fußmassage. Genau im richtigen Moment. Am nächsten Morgen gehen wir zusammen frühstücken, in einem Dorf, da...

Teil 6 - Zwischen Atlantik und Aufbruch: Begegnungen und neue Wege

Bild
 Je näher ich den Pyrenäen komme, desto stärker spüre ich, wie sehr mich dieser Abschnitt verändert hat. Saint-Jean-Pied-de-Port rückt näher, und lange glaube ich, dass dort das Ende meiner Reise sein wird. Mein Fuß ist noch immer nicht vollständig stabil, und die Geduld, weiterhin kleine Etappen zu gehen, ist definitiv aufgebraucht. Ich beginne bereits, nach Zugverbindungen nach Hause zu schauen – und merke gleichzeitig, wie schwer mir dieser Gedanke fällt. Die Tage vor Saint-Jean-Pied-de-Port probiere noch einmal einiges aus: Einlegesohlen, Arztbesuche, Gespräche mit Fachleuten. Eine Osteopathin entdeckt schließlich eine Fehlstellung im Becken und behandelt mich. Als ich ihre Praxis verlasse, fühlt sich mein Bein anders an. Nicht schmerzfrei – aber verändert. Ich weiß noch nicht, ob das der Wendepunkt ist oder nur ein kurzer Hoffnungsschimmer. Kurz vor dem Ziel geschieht etwas Unerwartetes: Eine Etappe, die eigentlich zu lang erscheint, gelingt mir überraschend gut...

Teil 5 - Neue Perspektiven: Langsamer gehen, intensiver erleben

Bild
Mit der Zeit beginne ich zu merken, dass sich etwas verändert. Ich habe mich daran gewöhnt, täglich unterwegs zu sein, auch wenn mein Tempo ein anderes ist als ursprünglich geplant. Die Tage sind wärmer geworden, und das Draußensein fühlt sich leichter an. Es gibt einen Moment, in dem ich erkenne, dass ich alles getan habe, um meinen Füßen die bestmögliche Chance zur Heilung zu geben. Meine Reise wird nicht so aussehen wie in meiner Fantasie – aber sie geht weiter. Unterwegs entdecke ich eine neue Qualität des Gehens. Ich bleibe stehen, rieche an Blumen, beobachte Schmetterlinge, streichele Katzen am Wegesrand. Santiago liegt noch weit entfernt, doch plötzlich wird mir klar, dass nicht nur das Ziel zählt. Es ist das tägliche Unterwegssein, das mich trägt. Die langsamere Gangart schenkt mir eine Intensität, die ich bei schnellerem Wandern vielleicht nie erlebt hätte. Ich sehe Details, die andere übersehen, weil sie ihre Kilometer zählen. In Moissac mache ich einen kurzen A...

Teil 4 - Neue Landschaften, neue Wege: Wenn der Weg anders wird als gedacht

Bild
Nach den kalten Tagen auf dem Hochplateau des Aubrac verändert sich die Landschaft. Ich lasse die Höhen langsam hinter mir und folge dem Tal des Lot.  Pausentage werden zur Routine, nicht zur Ausnahme. In kleinen Orten wie Livinhac-le-Haut oder Figeac verbringe ich mehr Zeit als geplant. Schonung, Wasser trinken, Geduld – das sind die Ratschläge, die ich immer wieder höre. Mein ursprünglicher Reiseplan rückt in den Hintergrund, und ich beginne zu akzeptieren, dass mein Weg anders verläuft als in meiner Vorstellung.   In Decazeville bleibe ich einige Tage in einer kleinen Herberge bei Jean-Marie, der nicht nur Gastgeber, sondern auch Shiatsu-Masseur ist. Er untersucht meine Füße und meint, mein Becken stehe schief. Ich höre ihm zu, doch mir fehlt noch das Vertrauen, mich darauf einzulassen. Erst viel später werde ich erkennen, dass er mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch lag. Zu diesem Zeitpunkt dreht sich mein Jakobsweg vor allem um körperliche Heilung. Ich ...

Teil 2 - Zwischen Aufbruch und Überforderung: Wenn der Weg plötzlich anstrengend wird

Bild
 Nach dem feierlichen Aufbruch in Le Puy-en-Velay kehrt erstaunlich schnell der Alltag ein und bringt mir eine Menge Organisationsstress: Pilger sind ungewöhnlich zahlreich, Unterkünfte knapp, und meine freie Zeit besteht plötzlich aus Telefonaten, Planänderungen und der Suche nach einem Bett für die Nacht. Gleichzeitig beginnt eine andere Herausforderung: die vielen Menschen. Small Talk gehört auf dem Jakobsweg einfach dazu, doch ich bin es nicht gewohnt, ständig von Stimmen, Fragen und Begegnungen umgeben zu sein. Wind und Kälte zehren an meiner Energie, und mein Körper wirkt noch träge, als hätte er nicht ganz verstanden, dass dies keine kurze Wanderung ist, sondern ein langer Weg. Eine besonders lange Etappe führt mich von Sauges nach Les Faux. 27,5 Kilometer – zu viel für diesen frühen Zeitpunkt. Meine Füße melden sich, die Achillessehnen ziehen, die Knie protestieren. Nichts Dramatisches, aber genug, um mich nachdenklich zu machen. Vor der Reise wurde i...