Teil 4 - Neue Landschaften, neue Wege: Wenn der Weg anders wird als gedacht
Nach den kalten Tagen auf dem Hochplateau des Aubrac verändert sich die Landschaft. Ich lasse die Höhen langsam hinter mir und folge dem Tal des Lot.
Pausentage werden zur Routine, nicht zur Ausnahme. In kleinen Orten wie Livinhac-le-Haut oder Figeac verbringe ich mehr Zeit als geplant. Schonung, Wasser trinken, Geduld – das sind die Ratschläge, die ich immer wieder höre. Mein ursprünglicher Reiseplan rückt in den Hintergrund, und ich beginne zu akzeptieren, dass mein Weg anders verläuft als in meiner Vorstellung.
In Decazeville bleibe ich einige Tage in einer kleinen Herberge bei Jean-Marie, der nicht nur Gastgeber, sondern auch Shiatsu-Masseur ist. Er untersucht meine Füße und meint, mein Becken stehe schief. Ich höre ihm zu, doch mir fehlt noch das Vertrauen, mich darauf einzulassen. Erst viel später werde ich erkennen, dass er mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch lag. Zu diesem Zeitpunkt dreht sich mein Jakobsweg vor allem um körperliche Heilung.
Ich beobachte mich dabei, wie ich innerlich noch an meiner ursprünglichen Idee festhalte: lange Etappen, stetiges Vorankommen, ein klarer Plan. Doch während ich langsamer werde, gehen andere Pilger weiter. Ich selbst schwanke zwischen Ungeduld und der wachsenden Einsicht, dass mein Körper den Takt vorgibt.
Schließlich treffe ich eine Entscheidung, die ich eigentlich vermeiden wollte: Ich lasse meinen Rucksack transportieren. Dafür muss ich wieder planen, Unterkünfte reservieren und Etappen festlegen – genau das, wovon ich mich zuvor befreit hatte. Es fühlt sich zunächst wie ein Rückschritt an, doch gleichzeitig ermöglicht es mir, überhaupt weiterzugehen. Das ist nicht die Art, wie ich den Jakobsweg gehen wollte, aber ich finde Wege, mich anzupassen.
Mit weniger Gewicht auf den Schultern breche ich erneut auf. Die Landschaft verändert sich, ich betrete die stillen Causses. Dünn besiedelte Weite, moosbewachsene Steinmauern, blühende Wiesen. Ich bleibe oft stehen, schaue mir Schneckenhäuser, Flechten und Regentropfen auf Kleeblättern an. Die langsamere Gangart lässt mich Details wahrnehmen, an denen ich früher vielleicht vorbeigelaufen wäre.
Während ich durch diese Stille gehe, wird mir bewusst, wie laut es manchmal noch in meinem Kopf ist. Ich wollte Freiheit und Leichtigkeit – stattdessen gehe ich vorsichtig und mit Einschränkungen. Doch je mehr ich die Realität meines Weges annehme, desto ruhiger wird etwas in mir. Die Reise verliert ihre ursprüngliche Form, gewinnt aber eine neue Qualität: Aufmerksamkeit für das Kleine, für das, was direkt vor meinen Füßen liegt.
Mein Jakobsweg ist nicht mehr der, den ich mir vorgestellt habe. Aber er ist meiner.



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