Teil 5 - Neue Perspektiven: Langsamer gehen, intensiver erleben

Mit der Zeit beginne ich zu merken, dass sich etwas verändert. Ich habe mich daran gewöhnt, täglich unterwegs zu sein, auch wenn mein Tempo ein anderes ist als ursprünglich geplant. Die Tage sind wärmer geworden, und das Draußensein fühlt sich leichter an. Es gibt einen Moment, in dem ich erkenne, dass ich alles getan habe, um meinen Füßen die bestmögliche Chance zur Heilung zu geben. Meine Reise wird nicht so aussehen wie in meiner Fantasie – aber sie geht weiter.

Unterwegs entdecke ich eine neue Qualität des Gehens. Ich bleibe stehen, rieche an Blumen, beobachte Schmetterlinge, streichele Katzen am Wegesrand. Santiago liegt noch weit entfernt, doch plötzlich wird mir klar, dass nicht nur das Ziel zählt. Es ist das tägliche Unterwegssein, das mich trägt. Die langsamere Gangart schenkt mir eine Intensität, die ich bei schnellerem Wandern vielleicht nie erlebt hätte. Ich sehe Details, die andere übersehen, weil sie ihre Kilometer zählen.


In Moissac mache ich einen kurzen Abstecher nach Toulouse. Nach Wochen auf dem Jakobsweg fühlt sich die Großstadt fremd an. In den Gesichtern der Menschen sehe ich Müdigkeit und Leere, und mir fehlt das Strahlen, das ich bei meinen Mitpilgern gewohnt bin. Als ich zurückkehre und wieder die vertrauten Abläufe einer Herberge erlebe – Rucksäcke hier, Schuhe dort, die immer gleichen Fragen nach Startpunkt und Ziel – fühlt sich das plötzlich wie ein Zuhause an.

Ein weiterer Wendepunkt kommt, als ich meinen Rucksack wieder selbst trage. Meine Schonzeit hat Wirkung gezeigt. Mit der zurückgewonnenen Flexibilität verändert sich meine Reise erneut. Ich kann spontan entscheiden, wie weit ich gehe und wo ich bleibe. Kleine Orte im Nirgendwo werden zu meinen liebsten Schlafplätzen. Meine Stimmung wird ruhiger, stabiler, und ich beginne zu spüren, dass ich trotz aller Schwierigkeiten vorangekommen bin.

 


In den Herbergen sehe ich oft Karten des Jakobswegs und erkenne, wie viel Strecke bereits hinter mir liegt. Jemand erzählt mir, dass ich von hier aus bei gutem Wetter die Pyrenäen sehen kann. Dieser Gedanke berührt mich tief. Die Pyrenäen stehen für einen Übergang, für das Ende eines Abschnitts und den Beginn von etwas Neuem. Doch der Horizont bleibt noch verhangen, und die Berge zeigen sich nicht sofort.

Ein paar Tage wandere ich gemeinsam mit Robert aus Österreich. Er sammelt unterwegs Kräuter und Blätter, macht sich daraus Salate und schläft meistens in Kirchen oder Kapellen. Es tut gut, endlich für mehrere Tage nicht allein zu gehen. Viele Begegnungen auf dem Jakobsweg sind flüchtig, doch in dieser kurzen Weggemeinschaft entsteht eine stille Vertrautheit.

Als ich schließlich den Punkt erreiche, an dem es noch etwa tausend Kilometer bis Santiago sind, verändert sich mein Blick auf die Reise erneut. Ob ich tatsächlich bis dorthin komme, verliert an Bedeutung. Wichtig ist, dass ich gehe – Schritt für Schritt, Tag für Tag. Nicht mehr die große Vorstellung von „meinem“ Jakobsweg steht im Vordergrund, sondern das, was gerade möglich ist.

 


Und während ich weiterziehe, spüre ich zum ersten Mal seit langem eine leise Stabilität. Der Weg bleibt ungewiss, doch ich habe gelernt, mich darin zu bewegen.

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