Teil 6 - Zwischen Atlantik und Aufbruch: Begegnungen und neue Wege

 Je näher ich den Pyrenäen komme, desto stärker spüre ich, wie sehr mich dieser Abschnitt verändert hat. Saint-Jean-Pied-de-Port rückt näher, und lange glaube ich, dass dort das Ende meiner Reise sein wird. Mein Fuß ist noch immer nicht vollständig stabil, und die Geduld, weiterhin kleine Etappen zu gehen, ist definitiv aufgebraucht. Ich beginne bereits, nach Zugverbindungen nach Hause zu schauen – und merke gleichzeitig, wie schwer mir dieser Gedanke fällt.

Die Tage vor Saint-Jean-Pied-de-Port probiere noch einmal einiges aus: Einlegesohlen, Arztbesuche, Gespräche mit Fachleuten. Eine Osteopathin entdeckt schließlich eine Fehlstellung im Becken und behandelt mich. Als ich ihre Praxis verlasse, fühlt sich mein Bein anders an. Nicht schmerzfrei – aber verändert. Ich weiß noch nicht, ob das der Wendepunkt ist oder nur ein kurzer Hoffnungsschimmer.

Kurz vor dem Ziel geschieht etwas Unerwartetes: Eine Etappe, die eigentlich zu lang erscheint, gelingt mir überraschend gut. Mein Fuß hält durch. Zum ersten Mal seit Wochen frage ich mich ernsthaft, ob ich wirklich aufhören will. Als ich schließlich in Saint-Jean-Pied-de-Port ankomme, bin ich erleichtert – nicht nur, weil ich es bis hierher geschafft habe, sondern weil ich spüre, dass meine Reise noch nicht zu Ende ist. Statt nach Hause zu fahren, entscheide ich mich, weiterzugehen. Nicht über die hohen Pyrenäen wie ursprünglich geplant, sondern auf einem einfacheren Verbindungsweg Richtung Atlantik.


 Der Weg dorthin fühlt sich anders an als alles zuvor. Kaum andere Pilger, wenige Unterkünfte, kleine Dörfer. Auf einem Campingplatz lerne ich Alain kennen, der bewusst ein einfaches Leben im Zelt gewählt hat. Sein Blick auf Freiheit und Besitz bringt mich zum Nachdenken. Vielleicht bedeutet Freiheit nicht immer, schneller voranzukommen, sondern bewusster zu entscheiden, wie man leben möchte.

Als ich zum ersten Mal den Atlantik sehe, überwältigt mich dieser Moment. So viele Kilometer, so viele Zweifel – und jetzt sehe ich das Meer. Es ist kein triumphaler Augenblick, eher ein stilles Begreifen: Ich bin trotz aller Einschränkungen weitergegangen.

 


Doch die Reise bleibt unberechenbar. Ein Abstecher auf den GR10 - ein Fernwanderweg durch die Pyrenäen, der am Atlantik beginnt -  führt mich in eine chaotische Herberge, die von André, genannt „Dédé“, geführt wird. Das Haus ist unordentlich, voller Leben und Widersprüche. Ich bleibe länger als geplant, helfe im Alltag mit und beobachte, wie unterschiedlich Menschen mit Stress, Erwartungen und Gemeinschaft umgehen. Zusammen mit Jane aus Dänemark versuche ich, etwas Struktur hineinzubringen, doch nicht jeder Wunsch nach Ordnung wird dort willkommen geheißen.

Zwischen Gesprächen, Arbeit und stillen Momenten verändert sich mein Blick erneut. Jane beeindruckt mich besonders: Sie hat ihr Zuhause aufgegeben, lebt in einer Zwischenphase und bleibt trotzdem ruhig und zuversichtlich. Während ich lange über meine eigenen Einschränkungen geklagt habe, begegnet sie ihrer Unsicherheit mit Vertrauen. Diese Begegnung wirkt nach.

Eines Nachts weckt mich der Geruch von Rauch. In der Küche finde ich einen Topf mit verkohlten Eiern auf dem Herd – ein absurdes, fast surreales Bild mitten in diesem ohnehin ungewöhnlichen Ort. Ich stelle den Herd ab, lüfte die Küche und gehe schließlich wieder schlafen, mit dem Gefühl, dass der Jakobsweg immer wieder Situationen bereithält, die man sich vorher nicht ausdenken könnte.

Nach einigen Tagen verlasse ich die Herberge gemeinsam mit Jane. Wir verbringen Zeit im baskischen Hinterland, reden viel oder schweigen entspannt. Es ist eine ruhige Zwischenphase, fast wie ein Atemholen zwischen zwei Kapiteln meiner Reise. Als ich schließlich nach Irun fahre, spüre ich zum ersten Mal seit langem keinen Druck mehr auf der Achillessehne.

Ein neues Land liegt vor mir, neue Wege, auf die ich mich schon lange gefreut habe: der Camino del Norte und später der Camino Primitivo. Nach allem, was hinter mir liegt, fühlt sich dieser Aufbruch nicht vorsichtig an – sondern voller Vorfreude.

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