Teil 8 - Das beste kommt noch: Vom Norte auf den Primitivo
Nach dem Abschied von Daniel und Miriam in Bilbao gehe ich allein weiter. Die nächsten Tage auf dem Camino del Norte fühlen sich ungewohnt still an. Ich brauche Zeit, um wieder meinen eigenen Rhythmus zu finden. Der Weg führt oft an Straßen entlang, viel Asphalt liegt unter meinen Füßen, und ich merke schnell, dass ich mit meinen Kräften haushalten muss.
Währenddessen verändert sich mein Gehen fast unbemerkt. Die Etappen werden länger, mein Körper fühlt sich stabiler an. Wenn ich morgens losgehe, spielt es kaum noch eine Rolle, wie weit ich gehe, wo ich ankomme oder wie viele Kilometer dazwischenliegen. Ich bin einfach unterwegs. Ich habe Gefallen gefunden am ständigen Wechsel, an der Unvorhersehbarkeit. Mein Leben in Deutschland – mit fester Wohnung, Terminen und Routinen – wirkt plötzlich weit weg und ein wenig eng. Zum Glück liegt noch Weg vor mir.
Hinter Villaviciosa biege ich schließlich auf den Camino Primitivo ab. Dieser Wechsel fühlt sich wie ein neuer Anfang an – der letzte große Abschnitt meiner Reise. Die Landschaft wird ruhiger, grüner, weiter. In Oviedo verbringe ich eine Nacht, doch die große Pilgerherberge lädt nicht zum Bleiben ein. Mein Körper bräuchte dringend einen Pausentag, aber ich komme dort nicht zur Ruhe. Also gehe ich weiter.
Am nächsten Tag übernachte ich erneut in einer Pilgerherberge mit gemeinsamem Abendessen, doch auch hier finde ich nicht die Stille, die ich suche. Erst am folgenden Tag passiert etwas anderes: In einer kleinen Spendenherberge kippe ich schon mittags erschöpft ins Bett und schlafe stundenlang. Kein Plan, keine Erwartungen – nur Schlaf. Genau das hat mein Körper gebraucht.
Mit jedem Tag zeigt sich der Camino Primitivo von einer schöneren Seite. Die Ausblicke werden größer, die Wege ruhiger, und ich beginne zu verstehen, warum viele diesen Abschnitt so besonders finden. Es sind nicht viele Pilger unterwegs, aber einsam fühlt es sich nicht an. Man kennt sich. Jeder geht seinen eigenen Weg, und trotzdem bewegen wir uns irgendwie gemeinsam vorwärts.
Dann kommt die Ruta de los Hospitales. Am Morgen liegt dichter Nebel über den Bergen. Ich überlege kurz zu warten, doch der Strom der Pilger zieht mich hinaus. Stundenlang gehe ich durch eine fast mystische Nebelstimmung. Auf dieser Etappe gibt es kein Dorf und keinen Brunnen – nur Berge, Natur und Weite. Als sich die Wolken schließlich öffnen, erscheinen die Höhenzüge klar und weit vor mir.
Am nächsten Tag folgt eine der schönsten Etappen des gesamten Weges. Nach einem ruhigen Aufstieg öffnet sich der Blick auf einen großen Stausee. Der lange Abstieg fühlt sich leicht an, fast mühelos. Ich gehe schneller, als ich es mir vor Wochen hätte vorstellen können – als würde mich der Weg tragen.
Bis Santiago sind es jetzt nur noch etwa zwei Wochen. Zum ersten Mal dämmert mir wirklich, dass ich es schaffen könnte. Nicht mehr nur als Hoffnung, sondern als leise Gewissheit, die beim Gehen entsteht – Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer.


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