Teil 2 - Zwischen Aufbruch und Überforderung: Wenn der Weg plötzlich anstrengend wird
Nach dem feierlichen Aufbruch in Le Puy-en-Velay kehrt erstaunlich schnell der Alltag ein und bringt mir eine Menge Organisationsstress: Pilger sind ungewöhnlich zahlreich, Unterkünfte knapp, und meine freie Zeit besteht plötzlich aus Telefonaten, Planänderungen und der Suche nach einem Bett für die Nacht.
Gleichzeitig beginnt eine andere Herausforderung: die vielen Menschen. Small Talk gehört auf dem Jakobsweg einfach dazu, doch ich bin es nicht gewohnt, ständig von Stimmen, Fragen und Begegnungen umgeben zu sein. Wind und Kälte zehren an meiner Energie, und mein Körper wirkt noch träge, als hätte er nicht ganz verstanden, dass dies keine kurze Wanderung ist, sondern ein langer Weg.
Eine besonders lange Etappe führt mich von Sauges nach Les Faux. 27,5 Kilometer – zu viel für diesen frühen Zeitpunkt. Meine Füße melden sich, die Achillessehnen ziehen, die Knie protestieren. Nichts Dramatisches, aber genug, um mich nachdenklich zu machen. Vor der Reise wurde ich oft gefragt, ob ich keine Angst hätte, allein unterwegs zu sein. Diese Frage konnte ich nie wirklich nachvollziehen. Doch jetzt kenne ich eine andere Form von Angst: die Sorge, dass mein Körper mich zwingt, die Reise abzubrechen.
In Aumont-Aubrac gönne ich mir ein Hotelzimmer – ein Luxus, der weniger mit Komfort als mit Notwendigkeit zu tun hat. Ich brauche einen ruhigen Ort für eine Videokonferenz. Ein letztes Mal für die nächsten Monate holt mich die Arbeit noch einmal ein - ein Stück „normales" Leben mitten im Unterwegssein. Beim gemeinsamen Pilgeressen probiere ich zum ersten Mal Aligot, eine regionale Spezialität aus Kartoffeln und Käse, die lange Fäden zieht und erstaunlich gut zu diesem Zwischenzustand passt: warm, schwer und irgendwie tröstlich.
Dort treffe ich eine Entscheidung: Das ständige Planen erschöpft mich mehr als das Wandern selbst. Also lasse ich das Planen los. Keine Reservierungen mehr im Voraus. Kein tägliches Organisieren. Ich will einfach losgehen und sehen, was passiert.
Es fühlt sich an wie ein kleiner Befreiungsschlag – und gleichzeitig wie ein Schritt ins Ungewisse.
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